Anuradhapura: Sri Lankas erste Königsstadt

Eine besonders sehenswerte Station in Sri Lankas kulturellem Dreieck ist Anuradhapura. Das mehrere hundert Hektar große Areal war ab der Übernahme des Buddhismus rund 1.300 Jahre lang Sitz der srilankischen Könige, religiöses Zentrum des Landes und damit auch wichtigste Pilgerstätte. Jeder neue König, der hier seinen Platz einnahm, stiftete neue Klöster, Tempel und Reliquienschreine. Auch das geistiges Zentrum mit den wichtigsten buddhistischen Universitäten des Landes fand sich mehrere Jahrhunderte hier in Anuradhapura. Entsprechend beeindruckend sind die Zeugnisse, die von dieser Zeit geblieben sind.

Das ehemals neunstöckige Gebäude der Universität

Das ehemals neunstöckige Gebäude der Universität

 

Fulminanten Auftakt in das Gebiet von Anuradhapura liefert der Mirisavati Dagoba. Dieser Stupa hatte einst mitsamt Spitze eine stolze Höhe von 130 m und war zu seiner Bauzeit im 2. Jahrhundert v. Chr. eines der höchsten Gebäude der Welt. Der Stupa wurde zusammen mit den meisten Gebäuden im Areal im Zuge der Tamileninvasion im 11. Jh. n. Chr. zerstört. Einige  Gemälde zeugen von den grasüberwachsenen Ruinen, welche Mönche später hier vorfanden, und die von den Briten im 19. Jh. erstmals restauriert wurden. Seine einstige Höhe darf der Stupa allerdings nicht mehr erreichen, weil sein Nachbar ein paar Kilometer weiter als höchstes und wichtigstes Pilgerzentrum Sri Lankas festgesetzt wurde – aber nur mehr 107 Meter misst.

Mirisavati Dagoba

Mirisavati Dagoba

 

Fast genau auf der gegenüberliegenden Seite der Anlage befindet sich eine weitere spannende Gebäudegruppierung, zu der unter anderem die Kuttam Pokuna oder Zwillingsbecken zählen. Jedes Kloster hatte eines dieser Becken, das für die Mönche zum Waschen diente. Die Überreste eines ausgeklügelten Kanalsystems zeugen noch heute davon, wie über schmale Durchlässe und mit trockenem Holz gefüllte Rinnen das Wasser gereinigt wurde, bevor es sich im Becken sammelte.

Kuttam Pokuna

Kuttam Pokuna, die Zwillingsbecken für das Bad der Mönche

 

Kuttam Pokuna - Wasserdurchlass

Der Wasserdurchlass mit Reinigungssystem

 

Gleich daneben befindet sich eine Buddha Statue, die aufgrund ihrer besonderen Steinmetzkunst gerne besucht und verehrt wird: Der Samadhi Buddha oder Buddha mit den drei Gesichtern. Wer die Statue zunächst von vorne betrachtet, findet eine klassische Statue im Meditationsstil mit halb geöffneten Augen vor. Wer den Buddha von rechts ansieht, bemerkt jedoch einen leicht herabgezogenen Mundwinkel, der mit Traurigkeit gleichgesetzt wird – eine Grundemotion von der auch die gesamte Menschheit und damit der Aufstieg ins Nirvana ausgeht. Auf der entgegengesetzten Seite hingegen lächelt Buddha dem Betrachter entgegen und strahlt damit das Glück aus. Nämlich das Glück den richtigen Weg gefunden zu haben. Ebenso, behauptet zumindest unser Guide, dass Buddha dieses Gesicht den Gerechten zuwendet, die von täglichen Herausforderungen geplagt werden und denen er damit ihren guten Weg erleichtern möchte. Soweit die Übersetzung richtig funktioniert, ist es immer wieder spannend zu hören, wie ähnlich sich verschiedene Religionen in manchen Belangen doch sind.

Die 3 Ansichten des Samadhi Buddha

Die 3 Ansichten des Samadhi Buddha

 

Wir wenden uns vom Buddha mit den drei Gesichtern wieder ab und schlendern durch verschiedene Grundmauern von kleineren und größeren Tempelanlagen, Klöstern und Wirtschaftsgebäuden hindurch. Unser nächstes Ziel ist ein weiterer Stupa aus roten Ziegeln, der dem ersten zum Verwechseln ähnlich sieht. Der Unterschied liegt auch hier in der Höhe: Der Abhayagiri Dagoba hat heute immerhin noch 75 Meter, war aber mit 120 Metern immer nur Nummer Zwei in Anuradhapura. Vor dem Stupa findet sich ein kleiner Tempel, dessen vollständige  Breite von einer liegenden Buddhastatue eingenommen wird. Auch hier kommt es wieder auf die Details an: Sind die großen Zehen exakt gleich lang, so ist ein schlafender Buddha dargestellt, ist eine Zehe etwas kürzer, so wird damit auf das Nirvana angespielt. Wir brauchen ein wenig um zu entscheiden, dass der Unterschied zwischen den Zehen der Statue bereits das Nirvana ausmacht.

Abhayagiri Dagoba

Abhayagiri Dagoba

 

Gesicht des liegenden Buddha

Der liegende Buddha kann zwei Bedeutungen haben: Schlaf oder Nirvana

 

Die ungleichen Zehen des liegenden Buddha

Die Zehen verraten: Ungleiche Länge = Nirvana

 

Gleich daneben im östlichsten Ruinenkomplex des Areals, befindet sich der Mondstein, ein besonders gut erhaltenes Kleinod, das grundsätzlich zu jedem Tempeleingang dazu gehört. Der Mondstein ist eine halbkreisförmige Steinplatte, die vor den Eingangsstufen zum Heiligtum angebracht ist und ebenfalls den Eintritt ins Nirvana oder genauer Samsara symbolisiert. Der äußerste Kreis im Mondstein wird von stilisierten Flammen gebildet, die das Leiden der Unerleuchteten auf der Erde darstellen. Der zweite Halbkreis zeigt eine immer wiederkehrende Abfolge von Elefant, Pferd, Löwe und Kuh, die für Geburt, Leben, Alter und Tod stehen und damit den Kreislauf zeigen, in dem die Menschen gefangen sind. Ein weiterer Halbkreis voller stilisierter Blüten signalisiert die Herausforderungen und Versuchungen, die in diesem Kreislauf stattfinden. Der Schwan im nächsten Halbkreis symbolisiert entsprechend die Fähigkeit zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können. So steht dem Eintritt ins Nirvana nichts mehr entgegen – symbolisiert durch die Lotusblüte, auf der auch Buddha der Legende nach seine ersten Schritte getan haben soll.

Der Mondstein von Anuradhapura

Der Mondstein von Anuradhapura

 

Neben dem Mondstein sind auch die Wächterfiguren ein immer wiederkehrender Fixpunkt vor buddhistischen Heiligtümern. Was in Japan rotbäuchige Oni mit starrem Blick sind, sind hier stramme Krieger, die in der einen Hand einen Strauß Blüten und in der anderen das Feuer halten. Die, dem Eingang zugewandte Seite lächelt den Betrachter an und heißt ihn mit den typischen Opfergaben willkommen. Wer Schlechtes über die Schwelle bringen möchte, der soll sich abwenden und dem bleibt nur das Feuer. Beschützt wird der Wächter seinerseits durch zwei kleinere Götterfiguren und sieben Kobras. Die kleinen Figuren sind Überreste der Zwerge, die in früheren Perioden als Wächter eingesetzt wurden. Die Kobras gelten als Wächter von Schätzen und Wasser. Beide Aspekte haben sich aus populären Überzeugungen entwickelt, wie etwa die Reinkarnation zur Schlange, um zu Lebzeiten verscharrte Schätze zu vergraben.

Tempelwächter

Tempelwächter

 

Letzte spannende Station in diesem Areal ist die Ratna Pasada oder Edelsteinhalle. Eine riesige Versammlungshalle, von der ebenfalls nur mehr die Grundmauern und einige Säulen zu begutachten sind. Besonders eindrucksvoll ist hier eine mehrere Meter lange Wanne aus Stein, in welcher der gekochte Reis für die Mönche ausgegeben wurde. Die Wanne für das Curry daneben war bedeutend kleiner. Dafür ist das Wasserbecken daneben – der Elefantenteich – schier überdimensional. Auch dieses Becken diente als Bad für die Mönche. Angeblich sollen hier immerhin 5.000 Mönche gleichzeitig gelebt haben.

Reis- und Currybecken in der Edelsteinhalle

Reis- und Currybecken in der Edelsteinhalle

 

Gleich neben den Ruinen steht ein kleinerer, völlig restaurierter Stupa, der aufgrund der Feiertage gleichzeitig Anlaufstelle für viele Pilger ist. Auf kleinen Altären rund um den Reliquienschrein werden Lotusblüten, Wasserlilien und Reis dargebracht. Ein buntes Stimmengewirr aus Gesängen und Gebeten umgibt uns, während gleichzeitig Arbeiter einzelne Altäre reinigen und den Boden waschen.

Kleiner Stupa mit Pilgern

Kleiner Stupa mit Pilgern

 

Doch dem sei nicht genug, das eigentliche Highlight liegt noch vor uns: Der bereits erwähnte 107 Meter hohe Ruvanveli Seya Dagoba ist das vollkommen restaurierte Hauptgebäude im gesamten Areal, auf das auch die meisten Pilger zustreben. Er ist heute der größte Stupa in Sri Lanka und damit nach wie vor wichtigster Pilgerort. An dem überdimensionalen kreisrunden Gebäude lässt sich auch gut erklären, was es mit dieser Vielzahl an Reliquienschreinen auf sich hat: Der Stupa oder im Sri Lanka auch Dagoba (aufmerksamen Lesern sei hier abermals ein Verweis auf Star Wars eingestreut) ist ein vollkommen aufgefülltes Gebäude, in dem eine Reliquie von Buddha selbst oder einem erleuchteten Mönch samt Schätzen eingegraben ist. Die ersten drei Stufen symbolisieren den Gründer, also Buddha selbst, seine Lehre, den Buddhismus und seine Botschafter, die Mönche.  Die Halbkugel oder Glockenform darüber zieht zur Erleuchtung hin nach oben, wobei sie auch als Körper vom Buddha interpretiert werden kann. Der Quader darüber symbolisiert die Phasen bis zur Erleuchtung, angefangen beim Unglück. Die Lotusblüten an der Spitze streben endgültig der Erleuchtung im übertragenen und einem Kristall im wahrsten Sinn des Wortes entgegen. Die vergoldete Spitze trägt ihr Übriges dazu bei, dem krönenden Abschluss, einem über 30 cm großen, spitz zulaufenden Kristall beim richtigen Lichteinfall genügend  Strahlkraft zu verleihen. Im Tempel, wie auch um den Stupa herum, wimmelt es nur so von Pilgern. Alle Besucher ziehen am Eingang ihre Schuhe aus, nehmen ihre Kopfbedeckungen ab, entzünden Öllampen für ein langes Leben und bringen Blüten mit.

Ruvanveli Seya Dagoba

Ruvanveli Seya Dagoba

 

Buddhastatuen auf den ersten Stufen des Stupa

Buddhastatuen auf den ersten Stufen des Stupa

 

Im Tempel liegt ein weiterer ins Nirvana eingegangener Buddha. Besonders beeindruckend ist auch hier die Schnitzkunst. Die farbenfrohen Statuen sind alles andere als realistisch gestaltet, in ihren Gesichtszügen liegt aber oft ein eigenartig zufriedenes Schmunzeln, das sich leicht auf den Betrachter überträgt. Bewegt man sich auf die Statue zu, kann der geänderte Lichteinfall sogar das Gefühl vermitteln, die Figur lächle einem zu. Auch wunderschön anzusehen sind die ca. 344 Elefantenskulpturen, die rund um das Heiligtum herum den Eingang bewachen. Jeder Elefant steht dabei für einen Fuß Höhe des Stupa.

Lächelnder Buddha

Lächelnder Buddha

 

Schützende Elefanten des großen Stupa

Schützende Elefanten des großen Stupa

 

Im krassen Gegensatz dazu stehen die beiden reich ausstaffierten Figuren von Kriegselefanten und ihren königlichen Reitern, welche die Auseinandersetzung der Singhalesen mit der südindischen Chola symbolisieren. Die beiden Könige traten in einem Duell gegeneinander an, und obwohl die buddhistische Lehre das Töten eines anderen Lebewesens untersagt, erbrachte der singhalesischen König dieses selbsternannte Opfer, um sein Volk zu befreien. Unser Guide setzt die Chola mit den Tamilen, einer kleineren und später eingewanderten Volksgruppe in Sri Lanka, gleich. Generell lässt damit der Unterton, in dem über die Tamilen hier berichtet wird, erkennen, dass der Bürgerkrieg vor einigen Jahren seine Wurzeln einerseits weit in der Vergangenheit hatte und andererseits noch lange keine Einigkeit zwischen den Volksgruppen herrscht.

Letzte Station in Anuradhapura ist ein Ort, der umgekehrt viel Frieden verspricht: Der Jaya Sri Maha Bodhi oder kurz Bodhi-Baum. Einen solchen findet man in Sri Lanka in jedem Tempel. Der Legende nach soll es sich bei dem in Anuradhapura jedoch um den originalen Baum aus dem 3. Jh. v. Chr. handeln, den die Nonne und Schwester des Gründer-Mönchs des Buddhismus in Sri Lanka damals mitgebracht haben soll. Dieser Baum soll wiederum seinerseits ein Ableger jenes Baums sein, unter dem Siddharta Gaudama zum Buddha wurde. Diese schöne Geschichte reicht aus, um tausende Gläubige anzuziehen, die betend und singend um den Baum kreisen, ihn mit Wasser benetzen und Blüten darbringen. Damit Wind und Wetter den langen aber relativ instabilen Ästen des Baumes nichts anhaben können, wurden weitere Bäume rundherum gepflanzt, die gemeinsam einen beruhigenden, kühlen Hain im Pilgertrubel schaffen. Auch uns erfasst hier ein wenig Ruhe, die wir später bei einem Kräuterdampfbad und einer Ayurvedamassage gehörig vertiefen können.

Der älteste Bodhi Baum Sri Lankas

Der älteste Bodhi Baum Sri Lankas

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